Fachbereich Autismus

Verstehen, was eine Situation schwierig macht

Autistische Kinder und Jugendliche nehmen Situationen unterschiedlich wahr, verarbeiten Informationen auf eigene Weise und kommunizieren nicht immer so, wie ihr Umfeld es erwartet. Unterstützung beginnt deshalb mit genauer Beobachtung und einer einfachen Frage: Was fehlt gerade, damit die Situation verständlicher und bewältigbar wird?

Der erste Blick gilt der Situation

Nicht vorschnell bewerten

Rückzug, Ohrenzuhalten, wiederholte Bewegungen, Schweigen, Unruhe oder eine starke Ablehnung können Hinweise auf Überlastung, fehlende Orientierung oder eine unklare Anforderung sein. Dasselbe sichtbare Verhalten kann bei zwei jungen Menschen unterschiedliche Gründe haben.

Wir schauen deshalb nicht nur darauf, was passiert, sondern auch auf Geräusche, Licht, Gerüche, Berührungen, Sprache, Zeitdruck, soziale Erwartungen und Veränderungen im Ablauf. Daraus entsteht eine Unterstützung, die zur einzelnen Person und zum konkreten Alltag passt.

Die hilfreiche Frage lautet nicht nur: „Wie stoppen wir das?“

Sondern zuerst: Fehlen gerade Orientierung, eine verständliche Handlung, Vorhersehbarkeit oder eine Möglichkeit zur Regulation?

Illustration: Ein überlasteter Jugendlicher zieht sich zurück, eine Fachkraft hält ruhig Abstand und eine weitere Person verlässt den Raum
Vier Ansatzpunkte im Alltag

Was in einer schwierigen Situation fehlen kann

Orientierung

Wo bin ich? Wo soll ich hin? Wer ist dabei? Wo gehören Dinge hin? Gut erkennbare Bereiche, feste Plätze und visuelle Hinweise können Antworten geben, ohne dass alles mündlich erklärt werden muss.

Eine verständliche Handlung

Ein allgemeines „Mach weiter“ reicht oft nicht. Wir teilen Tätigkeiten in erkennbare Schritte, zeigen Anfang und Ende und klären, was jetzt konkret getan werden kann.

Vorhersehbarkeit

Was passiert zuerst, was danach und wie lange dauert es? Pläne, Bildkarten, sichtbare Zeitangaben und angekündigte Veränderungen können Unsicherheit verringern.

Regulation

Manchmal braucht es weniger Reize, Abstand, eine Pause, Bewegung oder einen Rückzugsort. In einer akuten Überlastung reduzieren wir Anforderungen und Sprache, statt neue Erklärungen hinzuzufügen.

Wahrnehmung und Informationsverarbeitung

Mehr Reiz ist nicht automatisch mehr Information

Ein flackerndes Licht, mehrere Gespräche, ein ungewohnter Geruch, eine leichte Berührung oder das Gefühl von Hunger können sehr stark, sehr schwach oder erst spät wahrgenommen werden. Gleichzeitig kann es schwer sein, aus vielen Einzelheiten schnell das Wesentliche herauszufiltern.

Darum prüfen wir, ob die Umgebung übersichtlicher werden kann, ob Informationen nacheinander statt gleichzeitig kommen und ob mehr Verarbeitungszeit hilft. Stärken wie Detailgenauigkeit, Mustererkennung, Logik, Ausdauer oder besondere Interessen beziehen wir ein, ohne daraus ein starres Bild von Autismus zu machen.

Illustration: Ein junger Mensch im Rollstuhl wählt selbstständig ein Buch in einer Bibliothek
Kommunikation verständlicher machen

Weniger raten müssen

  • kurze, eindeutige Sätze und nur eine Anforderung zur Zeit,
  • genügend Pause, bevor eine Frage wiederholt oder verändert wird,
  • konkrete Aussagen statt Ironie, Andeutungen oder unklarer Redewendungen,
  • visuelle Unterstützung mit Bildkarten, Plänen oder Skalen,
  • eine erkennbare Möglichkeit, Pause, Hilfe, Ablehnung oder Überlastung mitzuteilen.

Gesprochene Sprache ist nicht die einzige Form von Kommunikation. Blick, Bewegung, Abstand, Wiederholungen, Bilder oder ein Kommunikationsgerät können wichtige Informationen tragen. Ein Nein wird gehört, auch wenn es nicht als vollständiger Satz ausgesprochen wird.

Illustration: Ein junger Mensch wählt eine Bildkarte aus, während eine Fachkraft aufmerksam wartet
Veränderungen und Übergänge

Ein Ortswechsel verändert oft mehr als nur den Ort

Beim Schulweg, beim Betreten eines Gebäudes oder beim Wechsel von einer Aufgabe zur nächsten verändern sich Reize, Regeln, Personen und Erwartungen gleichzeitig. Wir bereiten deshalb nicht pauschal „Veränderung“ vor, sondern klären die konkreten Fragen der Situation.

Vor dem Wechsel

Was endet? Was kommt danach? Wer begleitet? Was bleibt gleich? Veränderungen werden so früh und so konkret wie möglich angekündigt.

Während des Wechsels

Ein sichtbarer Ablauf, ein vereinbarter Wartepunkt oder ein vertrauter Gegenstand kann den nächsten Schritt erkennbar machen.

Nach dem Wechsel

Wir prüfen, was tatsächlich geholfen hat. Unterstützung wird angepasst und nur dort reduziert, wo Orientierung auch ohne sie verlässlich gelingt.

Fortbildungen für Fachkräfte

Vier Module mit direktem Bezug zum pädagogischen Alltag

Die Fortbildungsreihe verbindet fachlichen Input, Selbstreflexion, Übungen und Fallarbeit. Die Module bauen aufeinander auf, können aber auch einzeln gebucht werden.

Illustration: Fachkräfte arbeiten gemeinsam mit Materialien Modul 1

Wahrnehmung und Perspektivwechsel

Individuelle Wahrnehmungsprofile, Informationsverarbeitung, Stärken, Belastungen und ein genauerer Blick auf sichtbares Verhalten.

Illustration: Vier Fachkräfte sprechen in einem ruhigen Gesprächskreis Modul 2

Kommunikation und Beziehung

Unterschiedliche Kommunikationsweisen erkennen, Sprache verständlicher gestalten und Kontakt ohne unnötigen Druck ermöglichen.

Illustration: Eine Alltagssituation mit Jacke und Tasche wird begleitet Modul 3

Alltag, Orientierung und Übergänge

Räume, Zeit, Aufgaben und Wechsel so gestalten, dass Anfang, Ablauf und Ende leichter erkennbar werden.

Illustration: Eine Fachkraft begleitet eine überlastete Person ruhig und mit Abstand Modul 4

Belastung erkennen und deeskalieren

Auslöser und Funktionen von Verhalten untersuchen, Anforderungen reduzieren, Regulation unterstützen und Situationen gemeinsam auswerten.

Alle Informationen zur Fortbildungsreihe

Fachbereich und Kontakt

Marion Allmeroth-Sonntag und Linda Albrecht

Marion Allmeroth-Sonntag und Linda Albrecht kümmern sich bei Mitleben um den Fachbereich Autismus. Sie sind Ansprechpersonen für die fachliche Einordnung unserer pädagogischen Arbeit und für die Fortbildungsreihe.

Wichtig zur Einordnung

Die Seite beschreibt pädagogische Unterstützung im Rahmen unserer bewilligten Leistungen. Eine medizinische oder psychotherapeutische Diagnostik und Behandlung findet bei den dafür zuständigen Fachstellen statt.